Kapitel 1
Kapitel 1 Die unbekannte künftige Gamma
Zalia
Ich heiße Zalia, bin sechsundzwanzig, eine Lykanerin und die künftige Gamma des Moon-Stone-Rudels. Unser Rudel ist das größte nach dem Mystic-Moon-Rudel, dem Rudel unseres Königs.
Außerdem gehören wir zu den wenigen Rudeln im Königreich, in denen Werwölfe und Lykaner Seite an Seite leben – meine Familie ist eine der Lykaner-Familien hier im Rudel.
Die derzeitige Führungsriege hat jeweils einen Sohn und eine Tochter. Anders als viele vermuten, wird die nächste Führungsspitze jedoch aus zwei Männern und einer Frau bestehen. Da ich die erstgeborene Tochter unseres Gammas bin, werde ich meinen Vater ablösen, sobald er vortritt. Darauf trainiere ich ununterbrochen, seit ich fünfzehn bin.
Als angehende Gamma bin ich schlau genug, jede nur denkbare Vorsichtsmaßnahme zu ergreifen, um Angriffe abzuwehren. Unser Alpha hat es im Training oft genug mitangesehen: Ich habe den zukünftigen Alpha und den zukünftigen Beta mehr als einmal eiskalt auf den Hosenboden gesetzt. Jedes Mal musste er sich ein Grinsen verkneifen, wenn sein Sohn sich so blamierte.
Zum Glück sind bei uns alle Kinder gleichberechtigt aufgewachsen. Keiner war beleidigt, wenn ich ihn auf die Matte geschickt habe. Niemand hat mich je anders behandelt, nur weil ich eine Frau bin. Sie hören auf mich, wenn ich auf Fehler hinweise, und die meisten unserer Krieger sind genau daran gewachsen.
Ich bin mit meiner Position und meinem Rudel rundum glücklich. Einzig diese lästigen Rudelbesuche gehen mir gewaltig auf den Zeiger: Ich muss zwar mit, aber in den fremden Rudeln rafft keiner, dass ich die künftige Gamma bin.
Als wir beim Sundown-Rudel ankommen, schauen der Alpha und die Luna von oben herab auf mich und führen sich auf, als wäre ich bloß eine Bedienstete.
Das geht jetzt seit Jahren so, und jedes Mal fällt es mir schwerer, mir auf die Zunge zu beißen. Aber Alpha Brad hat mir eine unmissverständliche Ansage gemacht: Ich darf niemandem etwas antun – nur weil ich um Meilen besser ausgebildet bin als die meisten verwöhnten Bälger, die mir unterwegs begegnen.
„Du da! Hol mir einen Kaffee!“, krakeelt Layla, die Tochter von Alpha Mike, und zeigt auf mich.
„Heb deinen faulen Hintern und mach ihn dir selbst“, knurre ich sie an. Donovan, unser zukünftiger Alpha, und Gibson, unser zukünftiger Beta, brechen augenblicklich in schallendes Gelächter aus. Ich bezweifle stark, dass je jemand in diesem Ton mit ihr gesprochen hat – ihr völlig entgleister Blick ist unbezahlbar.
Ihr schrilles „Paaapaaa!“ bringt mich zusammen mit Twilight, meiner Lykanerin, endgültig zum Lachen. Die Alte ist verdammt noch mal erwachsen und sollte wohl in der Lage sein, für sich selbst zu sorgen.
Donovan verstummt schlagartig, als Alpha Mike den Raum betritt. Ich hingegen habe nicht den Hauch einer Chance, mein Lachen zu unterdrücken – und mache mir ehrlich gesagt nicht einmal die Mühe, es zu versuchen.
Alpha Brad versucht zunächst, besonnen auf Alpha Mike einzureden, aber der verlangt eine formelle Entschuldigung für die Tränen seiner Tochter. Wir starren ihn einfach nur völlig fassungslos an. Donovan entschuldigt sich tatsächlich bei ihr, doch ich weigere mich stur – und Alpha Brad ist klug genug, mich gar nicht erst dazu zu drängen.
Alpha Mike hat absolut keinen blassen Schimmer von meinem Temperament. Er rückt mir bedrohlich auf die Pelle und brüllt mich an, ich solle mich auf der Stelle bei seiner Tochter entschuldigen.
„Warum zur Hölle sollte ich mich bei ihr entschuldigen?! Sie führt sich auf wie ein verzogenes Kleinkind – vielleicht hättet ihr bei ihrer Erziehung nicht so kläglich versagen sollen!“, brülle ich ohne zu zögern zurück. Twilight reißt vor Wut fast die Kontrolle an sich, als er die Hand gegen mich erhebt. Der Typ hat verdammtes Glück, dass Alpha Brad blitzschnell dazwischengeht.
Ich hätte Alpha Mike ohne mit der Wimper zu zucken den Arsch aufgerissen, wenn er versucht hätte, mich zu schlagen. Und Alpha Brad weiß ganz genau, dass ich ihn eiskalt auf die Matte geschickt hätte.
Genau deshalb verabscheue ich diese verdammten Rudelbesuche aus tiefster Seele. Manche von denen tun so, als würde ihnen die ganze Welt gehören und als wären sie allen anderen haushoch überlegen. Ganz zu schweigen davon, wie herablassend sie mit jedem umspringen, der kein Alphablut in den Adern hat. Würde es diese Arschlöcher etwa umbringen, andere mit einem Fätzchen Respekt zu behandeln?
Als wäre dieser Vorfall nicht schon nervtötend genug gewesen, hielten mich einige der Typen dort auch noch für Alpha Brads Geliebte – oder gingen wie selbstverständlich davon aus, dass ich mit Donovan oder Gibson ins Bett steige. Keiner von diesen Hohlköpfen kam auch nur im Traum darauf, dass ich als Donovans künftige Gamma mit von der Partie war.
Es hat mich ehrlich gesagt ziemlich überrascht, dass Donovan sie nicht korrigiert hat. Aber ich habe es letztlich auf deren klebrige Tochter geschoben, die ihn regelrecht auffraß und ununterbrochen versuchte, ihn abzuschleppen.
Ich bin ewig dankbar dafür, dass Alpha Brad uns von klein auf den nötigen Respekt vor dem Gefährtenband eingeimpft hat: Man vögelt nicht wahllos durch die Gegend – und erst recht nicht mit jemandem aus dem eigenen Rudel.
Ich hatte noch nie etwas mit einem Mann, obwohl weiß Gott genug Angebote da waren. Ich habe sie alle eiskalt abblitzen lassen, und ein paar Beratungsresistente haben sich dabei eine gehörige Tracht Prügel eingefangen.
Wenn Donovan oder Gibson mal genervt von Tussen sind, die kein Nein akzeptieren wollen, gehen sie einfach eine Runde rennen oder lassen ihren Frust beim Training des Gastrudels raus.
Ich hingegen kann das nicht bringen, weil keine Sau weiß, dass ich die künftige Gamma des Moon-Stone-Rudels bin. Dementsprechend ist es mir strengstens untersagt, bei den fremden Rudeln mitzutrainieren. Mir fehlt auf diesen scheußlichen Trips schlichtweg jedes Ventil, um Dampf abzulassen.
Ich beneide die beiden jedes Mal aufs Neue. Ich kann nicht einmal ungestört laufen gehen, ohne dass mich irgendeine schicke Luna oder ein arroganter Alpha von oben herab dumm anmacht. Donovan und Gibson stellt hingegen keine Sau Fragen, wenn sie sich zum Training oder für einen Lauf verdrücken.
Deshalb halte ich mich bei solchen Besuchen inzwischen am liebsten komplett im Hintergrund – zu viel Kontakt mit diesen Tussen und Idioten endet für mich sonst bloß in einer handfesten Katastrophe.
Abgesehen von meinem Zusammenstoß mit Alpha Mike habe ich die Klappe gehalten – und der Kerl hätte um ein Haar die Quittung für all den Mist bekommen, den ich mir während dieses Besuchs anhören musste.
Noch so eine Sache, die ich an diesen Trips abgrundtief hasse: Jedes Mal meint irgendwer, mir erzählen zu müssen, ich solle weniger essen. Ich brauche das Zeug verdammt nochmal für meine Ausdauer – und davon eine ganze Menge für die kilometerlangen Patrouillen, die ich täglich abreiße. Ich bin eine Lykanerin. Ich werde davon nicht einfach fett, und selbst wenn mal ein Gramm mehr dranbleibt, ist mir das sowas von scheißegal.
Jede verfluchte Luna predigt mir, ich müsse unbedingt auf meine Linie achten. Mein zukünftiger Gefährte würde schließlich keine Frau schätzen, die Spachteln kann wie ein Scheunendrescher – und schon gar keine mit einer Konfektionsgröße mehr.
Verdammt noch mal, eine Größe mehr! Ich trage Größe 36 und bin verdammt stolz auf meine Kurven – ich muss echt nicht aussehen wie ein Strich in der Landschaft.
Die meisten Lunas hier sind so klapperdürr, dass ich jedes Mal Angst habe, ein kräftiger Windstoß pustet sie einfach weg. Und trotzdem heulen sie ununterbrochen herum, sie seien viel zu dick.
Bei diesem Besuch hat gefühlt jede Tussie irgendeinen dummen Spruch über meinen Appetit gedrückt. Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, wie Donovan und Gibson sich amüsierten. Wahrscheinlich haben die beiden sich wieder über die Gedankenverbindung lustig gemacht.
Ich bin einfach nur heilfroh, dass dieser Besuch überstanden ist. Leider steht als Nächstes schon das nächste Großereignis an: die Hauptversammlung aller Alphas des Königreichs – mitsamt dem Alphakönig höchstpersönlich.
Seit über zehn Jahren werde ich nun schon zu diesem Event verdonnert. Ich habe keine Wahl, denn unser König verlangt strikt, dass die künftige Führungsspitze eines jeden Rudels anwesend sein muss, sobald der angehende Alpha sechzehn wird.
„Beruhig dich mal, Zalia. Du hast jetzt immerhin zwei Monate deine Ruhe“, frotzelt Donovan von der Seite.
„Musstest du mich ausgerechnet jetzt daran erinnern?“, knurre ich ihn an. „Als würde ich mich wahnsinnig darauf freuen, vier Tage lang mit diesen Vögeln abzuhängen – ohne Ausweichmöglichkeit und ohne die Chance, mir den Frust bei einer Grenzpatrouille aus dem Leib zu rennen.“